Auf ein Neues
Mit dem gestrigen Sonnenuntergang startet das jüdische neue Jahr 5769. Während die israelische Sonne auch im September noch scheint und der Strand nach dem Abzug der meisten TouristInnen wieder von Israelis bevölkert wird war die letzte Woche ein bisschen wie Advent bei 30 Grad Celsius. Ohne häßliche bunte Lichterketten und Plastiknikoläuse werden kleine Geschenke gekauft, Essen en masse vorbereitet und das Postamt noch mehr verstopft. Alle wünschen sich beständig ein schönes neues Jahr und schöne Feiertage (nach dem Neuen Jahr finden bis Ende Oktober noch einige Feiertage statt, weshalb der gesamte Monat ein auf Sparflamme läuft). Äpfel werden in Honig getunkt, für ein süßes neues Jahr und mitten in der Woche steht man plötzlich vor zwei Tagen, an denen nichts geht. Geschäfte sind kaum geöffnet, alle haben Urlaub.

Was für die Einen ein Riesenspaß ist, ist für viele Andere alles andere als lustig. Aus Angst vor Anschlägen hat die Armee das Westjordanland während der Neujahrsfeiertage abgeriegelt. Der Gazastreifen ist sowieso zu. Das heißt, niemand kommt auf die israelische Seite, nur die sogenannten «medizinischen Notfälle» und «Fälle humanitärer Hife» könnten theoretisch eine Ausnahme erfahren. Darüber entscheiden dann die SoldatInnen an den jeweiligen Checkpoints….
Von Siedlungen und Dörfern
Ein Dauerthema im israelisch-palästinensischen Konflikt sind die Siedlungen von (in der Regel nationalreligiösen) jüdischen Israelis in den Gebieten jenseits der «Grünen Linie», also der Waffenstillstandslinie des 1948er Kriegs. Alle, die sich mit dem Konflikt beschäftigt haben, können etwas dazu sagen. Die Organisation «Breaking the Silence», ein Zusammenschluss ehemaliger SoldatInnen, die in den besetzten Gebieten ihren Wehrdienst abgeleistet haben, führt Touren in die besetzten Gebiete durch, auf denen man einen Überblick bekommt, insbesondere aus Sicht der palästinensischen Nachbarn. Die Siedlungen erstrecken sich nach dem Rückzug aus dem Gazastreifen im Jahr 2005 nun über große Teile des Westjordanlandes (Einige Siedlungen stehen auch auf den Golanhöhen, diese haben im Allgemeinen aber nicht das gleiche religiöse Sprengpotenzial.).
Unsere Tour führte uns nun in das Gebiet South Mount Hebron an der südlichen Grenze des Westjordanlandes. Das Westjordanland ist seit dem Oslo-Friedensprozess in drei Gebiete unterteilt. Die A-Gebiete (vorwiegend die größeren Städte) stehen unter der Verwaltung der Palästinensischen Autonomie, Israelische ZivilistInnen haben keinen Zutritt. Die C-Gebiete (vorwiegend Siedlungen und Zufahrtstraßen dorthin) werden israelisch verwaltet, PalästinenserInnen haben keinen Zutritt, die B-Gebiete liegen irgendwo dazwischen. Diese Unterteilung verändert das Verständnis von Landkarten ein wenig. Während wir durch einen Tunnel ein C-Gebiet nutzen gehört die darüber liegende Straße zur Area A. Wie stellt man das auf einer Karte dar? Keine Sorge, die C-Gebiete sind gut geschützt vor palästinensischem Eindrigen. In «gefährlichen Gebieten», etwa um größere palästinensische Städte mit einer hübschen kleinen Mauer und im ländlichen Gebiet durch Straßensperren und Blockaden.
Die Asymmetrie der Situation wird spätestens deutlich, wenn man die Lebenssituation der SiedlerInnen mit der der ganz in der Nähe lebenden PalästinenserInnen vergleicht. Während die SiedlerInnen in relativ gut gesicherten Dörfern wohnen, die von einem breiten Sicherheitsstreifen umgeben sind, bestehen in der Gegend South Mount Hebron die palästinensischen Wohneinheiten in der Regel aus einzelnen Häusern und Zelten, in denen vier oder fünf Familien in einem «Dorf» leben.
Das größeste Problem besteht allerdings in der absichtlichen und durch Polizei und Militär im meistens geduldeten Gewalt der SiedlerInnen gegenüber den PalästinenserInnen. Zerstören von Olivenhainen, Vergiften von Brunnen oder körperliche Angriffe sind auch weit entfernt von bekannten Streitorten wie Hebron oder Ost-Jerusalem alltäglich. Die Familie, die wir im Rahmen unserer Tour besuchten, zeigte uns zwei Brunnen ganz in der Nähe ihres Dorfes, die durch hineingeworfene Fahrzeuge vergiftet waren, bzw mit Geröll zugeschüttet worden waren und nun unerreichbar sind.
Die israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem erregte in der jüngsten Vergangenheit Aufsehen mit einem Projekt, in dem sie PalästinenserInnen mit Videokameras ausstattete, um Situationen, in denen SiedlerInnen oder SoldatInnen Gewalt ausüben zu filmen. (Videowebseite von B’tselem)
Die aktuellen Friedensverhandlungen wirken schon nach einer kurzen Fahrt durch das Westjordanland wie eine Farce. Während dort der Abbau von Siedlungen diskutiert wird, werden hier vor Ort Fakten geschaffen. Jede Siedlung auf dem Weg von Jerusalem nach Susiya im South Mount Hebron hat eine «Neubaugebiet», in der Regel eine Ansammlung von Wohncontainern, die nach und nach durch feste Häuser ersetzt werden. Hauptsache, die Klimaanlage funktioniert!

International women’s film festival Rehovot
Mal wieder ein Filmfestival. Dazu noch in der Israelischen (Fast-)Pampa. Das kleine Städtchen Rehovot nahe Tel Aviv biete in der kommenden Woche über 60 Filme auf. Das besondere? Alle Filme wurden von Regisseurinnen geleitet. Neben einigen Kurzfilmen sind auch mehrere bekannte und längere Filme zu sehen. Meine persönliche Hitliste:
- Citizen Aloni (IL 2008): Die Biographie Shulamit Alonis, der Vorkämpferin der Israelischen Menschenrechtsbewegung, aktive Frauenrechtlerin deren Karrierehöhepunkt und gleichzeitiger Abstieg ihre Ernennung zur Bildungsministerin 1992 war. Die Regisseurin Anat Saragusti ist ebenfalls aktiv in der Frauen- und der Friedenbewegung.
- Brides of Allah (IL 2008): Die israelische Regisseurin Natalie Assouline erzählt die Geschichte von von Frauen, die in israelischen Gefängnissen sitzen, nachdem sie in die Planung und Durchführung von Selbstmordattentaten verwickelt waren.
- The day I became a woman (Iran 2000): Drei Geschichten über drei Frauen im Iran, die die Grenzen der patriarchalen Gesellschaft plötzlich schmerzhaft am eigenen Leib erfahren.


